2. Oktober 2026
Wagners „Parsifal“ in London: Christian Gerhaher als Amfortas
Richard Wagners „Parsifal“ kommt in einer neuen Produktion an die Royal Opera in London. Jakub Hrůša dirigiert, Evgeny Titov inszeniert. Christian Gerhaher übernimmt die Partie des Amfortas, Stanislas de Barbeyrac singt Parsifal und Ekaterina Gubanova die Kundry.

Mainz/London - Mit einer neuen Produktion von Richard Wagners Parsifal beginnt am 1. Oktober eine sechsteilige Vorstellungsserie an der Royal Opera in London. Bis zum 17. Oktober steht Wagners letztes Bühnenwerk in Covent Garden auf dem Spielplan. Am Pult steht Jakub Hrůša, seit August 2025 Musikdirektor der Royal Opera; die Inszenierung stammt von Evgeny Titov, der damit sein Hausdebüt gibt.
Im Zentrum der Besetzung steht Christian Gerhaher als Amfortas. Der Gralskönig trägt die Wunde, die ihm Klingsor mit dem heiligen Speer zugefügt hat, und muss dennoch die Gralszeremonie immer wieder vollziehen. Gerhaher übernimmt die Partie in allen sechs Vorstellungen. Ihm gegenüber stehen Stanislas de Barbeyrac als Parsifal und Ekaterina Gubanova als Kundry. Brindley Sherratt singt Gurnemanz, Mark Stone Klingsor und James Platt Titurel.
Damit rücken jene Figuren in den Mittelpunkt, an denen Wagner die Krise der Gralsgemeinschaft entfaltet: den verletzten Amfortas, den zunächst unwissenden Parsifal, die zwischen Schuld und Erlösung gefangene Kundry und den von der Gemeinschaft ausgeschlossenen Klingsor. Parsifal wird zum Hoffnungsträger einer Ordnung, die ihre eigene innere Stabilität verloren hat. Die Royal Opera fasst den szenischen Ausgangspunkt entsprechend als Frage, ob ein Einzelner eine zerbrochene Gesellschaft heilen kann.
Für Hrůša ist Parsifal eine zentrale Wagner-Aufgabe zu Beginn seiner Amtszeit als Musikdirektor. Wagners Orchesterpartitur verbindet wiederkehrende Motive mit weit gespannten Klangflächen und begleitet damit nicht nur das Bühnengeschehen, sondern auch die innere Entwicklung der Figuren. Gerade in Parsifal entsteht ein großer Teil der dramatischen Wirkung aus dem Zusammenspiel von Orchester, Stimmen und langen musikalischen Spannungsbögen.
Titov entwirft dafür eine dystopische Bühnenwelt. Étienne Pluss gestaltet die Bühne, Esther Bialas die Kostüme. Die ersten Bilder der Produktion zeigen Parsifal in einer engen, industriell wirkenden Umgebung und lösen die Handlung damit deutlich von einer traditionellen mittelalterlichen Gralsästhetik. Die Royal Opera kündigt Titovs Zugriff als Vision einer Gesellschaft an, deren Ordnung bereits im Zerfall begriffen ist.
Wagners Parsifal erscheint in London damit weniger als abgeschlossene Erlösungsgeschichte denn als Drama über eine Gemeinschaft in der Krise. Amfortas’ körperliche Wunde und die Zerrüttung des Gralsordens werden dabei unmittelbar miteinander verknüpft – und Parsifals Weg erhält seine Bedeutung erst vor diesem Hintergrund.

