6. Oktober 2026
„Eugen Onegin“ in Leipzig: Tschaikowskys verpasste Liebe kehrt als Bilderwelt zurück
Die Oper Leipzig eröffnet ihre neue Saison mit Tschaikowskys „Eugen Onegin“. Vasily Barkhatovs bildstarke Inszenierung, ursprünglich für die Oper Bonn entstanden, verbindet die großen gesellschaftlichen Räume des Puschkin-Stoffs mit den intimen Momenten zwischen Tatjana, Onegin und Lenskij. Ivan Repušić dirigiert das Gewandhausorchester.

Mainz/Leipzig - Am 10. Oktober beginnt an der Oper Leipzig die neue Spielzeit mit Peter I. Tschaikowskys Eugen Onegin. Die Produktion von Vasily Barkhatov kommt als Übernahme der Oper Bonn nach Leipzig; am Pult des Gewandhausorchesters steht Generalmusikdirektor Ivan Repušić. Olena Tokar beziehungsweise Olesya Golovneva übernimmt die Tatjana, Franz Xaver Schlecht beziehungsweise Mathias Hausmann singt Onegin, Matthias Stier beziehungsweise Tomislav Jukic Lenskij.
Tschaikowskys Oper erzählt eine Geschichte, in der der entscheidende Moment nicht in einem großen Triumph liegt, sondern in einer verpassten Gelegenheit. Tatjana schreibt dem erfahrenen Onegin einen offenen Liebesbrief und riskiert damit einen Bruch mit den gesellschaftlichen Erwartungen ihrer Umgebung. Onegin weist sie zurück. Jahre später begegnen sich beide erneut – inzwischen hat Tatjana gelernt, ihre Gefühle zu beherrschen, während Onegin erkennt, was er damals verloren hat.
Barkhatovs Inszenierung setzt bei dieser zeitlichen Verschiebung an. Tatjanas Briefszene gehört zu den emotionalen Zentren der Oper und macht aus dem privaten Schreiben einen musikalischen Innenraum, in dem sich Aufbruch, Unsicherheit und Begehren unmittelbar entfalten. Dem stehen die gesellschaftlichen Szenen mit ihren Festen, Konventionen und Erwartungen gegenüber. Bühne und Ausstattung stammen von Zinovy Margolin, die Kostüme von Olga Shaishmelashvili.
Auch musikalisch bewegt sich Eugen Onegin zwischen gesellschaftlichem Panorama und Kammerspiel. Tschaikowsky verbindet Ball- und Chorszenen mit hochkonzentrierten Begegnungen zwischen einzelnen Figuren. Besonders deutlich wird das in Tatjanas Briefszene, Lenskijs Abschied und der letzten Begegnung von Tatjana und Onegin. Die Oper lebt dabei von abrupten Wechseln zwischen äußerer Bewegung und persönlicher Einsamkeit.
Neben Tokar beziehungsweise Golovneva als Tatjana stehen Schlecht beziehungsweise Hausmann als Onegin und Stier beziehungsweise Jukic als Lenskij im Zentrum. Yorck Felix Speer beziehungsweise Peter Dolinšek übernehmen Fürst Gremin. Der Chor der Oper Leipzig und das Gewandhausorchester tragen die großen gesellschaftlichen Szenen, während die entscheidenden Wendepunkte immer wieder auf einzelne Stimmen konzentriert sind.
Für Leipzig entsteht daraus eine besondere Verbindung zwischen Bühne und Orchestergraben: Tschaikowskys lyrische Szenen erklingen mit dem Gewandhausorchester unter Repušić. Nach der Premiere am 10. Oktober folgen Vorstellungen am 16. Oktober und 8. November sowie weitere Termine bis Februar 2027.
Barkhatovs Eugen Onegin macht aus einer Geschichte über eine zu spät erkannte Liebe damit vor allem ein Drama über Zeit. Tatjana und Onegin begegnen sich zweimal – aber nur einmal wäre der richtige Augenblick gewesen.

