6. Oktober 2026
Glucks „Iphigénie en Tauride“: Ein antikes Familiendrama kommt nach London
Die English National Opera nimmt Christoph Willibald Glucks „Iphigénie en Tauride“ erstmals in ihr Repertoire auf. Lyndsey Turner inszeniert die selten gespielte Oper am London Coliseum, David Bates dirigiert. Im Zentrum stehen Christine Rice als Iphigénie und Jacques Imbrailo als Oreste.

Mainz/London - Die English National Opera setzt im November auf ein Werk, das im internationalen Opernrepertoire weit weniger präsent ist als Mozart, Verdi oder Puccini: Christoph Willibald Glucks Iphigénie en Tauride wird vom 6. bis 14. November 2026 erstmals von der ENO am London Coliseum aufgeführt. Die neue Produktion inszeniert Lyndsey Turner, am Pult steht der Barockspezialist David Bates bei seinem Debüt mit der ENO. Gesungen wird in Glucks französischer Originalfassung nach dem Libretto von Nicolas-François Guillard.
Gluck schrieb Iphigénie en Tauride 1779 nach Euripides’ griechischem Drama. Im Mittelpunkt steht Iphigénie, die nach dem Trojanischen Krieg als Priesterin auf der Insel Tauris lebt und dort gezwungen ist, Gefangene zu opfern. Als ihr Bruder Oreste gemeinsam mit seinem Freund Pylade gefangen genommen wird, gerät das Ritual in eine persönliche Katastrophe: Iphigénie soll den eigenen Bruder opfern, ohne ihn zunächst zu erkennen.
Gerade diese Handlung zeigt, worin Glucks musikalische Reformidee konkret liegt. Iphigénie en Tauride verzichtet weitgehend auf die repräsentative Nummernoper des 18. Jahrhunderts und ordnet die Musik dem dramatischen Ablauf unter. Rezitativ, Arie, Chor und Orchester treiben gemeinsam die Handlung voran. Die ENO bezeichnet das Werk entsprechend als Wendepunkt der Musikgeschichte und hebt Glucks Konzentration auf das Drama gegenüber äußerem Effekt und Ornament hervor.
Für die Londoner Aufführung richtet Lyndsey Turner den Blick auf eine Familie, deren Geschichte von Gewalt und Opfer geprägt ist. Iphigénie lebt auf der abgelegenen Insel in ihrem religiösen Amt, während Oreste am Rand des Wahnsinns steht. Die Ankunft des Fremden setzt eine verdrängte Familiengeschichte wieder in Gang. Die ENO fasst die Produktion entsprechend als Geschichte einer durch Gewalt geprägten Familie, die durch die Begegnung der Geschwister wieder zusammengeführt wird.
Christine Rice übernimmt die Titelrolle. Die britische Mezzosopranistin, die an der ENO bereits als Sister Helen in Dead Man Walking zu erleben war, trifft als Iphigénie auf Jacques Imbrailo als Oreste. Nick Pritchard singt Pylade, Morgan Pearse den taurischen Herrscher Thoas. David Bates führt das Orchester der ENO und verbindet damit die historische französische Opernpartitur mit seiner Erfahrung im Barockrepertoire.
Auch die Sprache ist Teil des Konzepts: Die ENO spielt Iphigénie en Tauride nicht in englischer Übersetzung, sondern im französischen Original mit englischen Übertiteln. Die sprachliche Gestalt bleibt damit erhalten, für die Gluck und sein Librettist die musikalischen Phrasen entworfen haben.
In London begegnet damit ein Stoff der griechischen Tragödie einer Opernform, die selbst mit den Konventionen ihrer Zeit gebrochen hat. Iphigénie en Tauride macht aus dem Moment, in dem eine Schwester ihren Bruder opfern soll, kein höfisches Tableau, sondern eine musikalisch zugespitzte Entscheidungssituation. Gerade diese Verbindung von äußerer Handlung und innerem Konflikt erklärt, warum Glucks selten gespieltes Werk bis heute als zentraler Schritt auf dem Weg zum modernen Musikdrama gilt.

