15. September 2026
Sonya Yoncheva als Julia: Spontinis „La Vestale“ kehrt nach Berlin zurück
Sonya Yoncheva übernimmt an der Staatsoper Unter den Linden die Titelrolle in Gaspare Spontinis „La Vestale“. Lydia Steier inszeniert das selten gespielte Werk, Carlo Rizzi dirigiert die Staatskapelle Berlin. Die Premiere am 26. September eröffnet die erste große Neuproduktion der Spielzeit 2026/27.

Mainz/Berlin - Mit Gaspare Spontinis La Vestale beginnt am 26. September an der Staatsoper Unter den Linden die erste Opernpremiere der Spielzeit 2026/27. Im Mittelpunkt steht Sonya Yoncheva als Julia, eine Vestalin, die zwischen dem religiösen Gesetz ihrer Gemeinschaft und ihrer Liebe zu Licinius steht. David Butt Philip singt die männliche Hauptrolle, Marina Prudenskaya verkörpert La Grande Vestale. Am Pult der Staatskapelle Berlin steht Carlo Rizzi, Regie führt Lydia Steier. Die Premiere beginnt um 18 Uhr.
Spontinis 1807 in Paris uraufgeführte Oper war sein bis dahin größter Erfolg und entwickelte sich zu einem der bedeutendsten Werke des frühen 19. Jahrhunderts. Die groß dimensionierten Szenen, die wirkungsvolle Einbindung des Chores, instrumentale Effekte und Ballettmusiken wurden zu prägenden Elementen einer Opernsprache, die Komponisten wie Hector Berlioz und Richard Wagner beeinflusste. Damit steht La Vestale zugleich am Übergang zu jener französischen Grand Opéra, die im weiteren 19. Jahrhundert ihre eigene Form entwickeln sollte.
Für Berlin besitzt das Werk eine besondere historische Verbindung. Bereits 1811 wurde La Vestale am Opernhaus Unter den Linden in deutscher Sprache als Die Vestalin aufgeführt. 1820 erhielt Spontini dort als erster musikalischer Leiter des Hauses den Titel eines Generalmusikdirektors und leitete die Königliche Oper bis 1841. Seine Oper kehrt damit an einen Ort zurück, an dem auch der Komponist selbst mehr als zwei Jahrzehnte die Berliner Operngeschichte prägte.
Im Zentrum steht Julia, die als Vestalin das heilige Feuer bewachen muss. Als sie ihre Liebe zu Licinius nicht länger verbergen kann, gerät sie in einen Konflikt zwischen persönlichem Begehren und religiöser Ordnung. Spontini macht daraus ein groß dimensioniertes Bühnendrama, in dem der private Wunsch der Titelheldin auf ein System trifft, das seine Gesetze mit äußerster Konsequenz durchsetzt.
Diese gesellschaftliche Dimension rückt Lydia Steier in ihrer Inszenierung besonders in den Mittelpunkt. Die Regisseurin untersucht die Mechanismen eines autoritären Systems und damit die Frage, wie eine Ordnung funktioniert, die individuelle Freiheit dem vermeintlichen Schutz ihrer eigenen Regeln unterordnet. Julia steht dabei nicht nur zwischen Liebe und Pflicht, sondern innerhalb einer Machtstruktur, die über ihr Schicksal entscheidet.
Für Sonya Yoncheva ist Julia zugleich eine neue Partie: Sie gibt mit dieser Produktion ihr Rollendebüt als Vestalin. Die Figur verlangt sowohl vokale Präsenz als auch eine starke szenische Entwicklung – von der religiös gebundenen Priesterin bis zur Frau, die sich gegen die ihr auferlegte Ordnung stellt. An ihrer Seite stehen David Butt Philip als Licinius und Marina Prudenskaya als La Grande Vestale.
Die Staatskapelle Berlin übernimmt unter Carlo Rizzi den musikalischen Part eines Werkes, dessen Wirkung wesentlich aus dem Gegensatz zwischen öffentlichen Zeremonien, mächtigen Chorszenen und den persönlichen Konflikten der Figuren entsteht. Für die Ausstattung arbeitet Steier mit Etienne Pluss für die Bühne und Katharina Schlipf für die Kostüme.
Mit La Vestale verbindet die Staatsoper damit die Wiederentdeckung eines selten gespielten Werkes mit ihrer eigenen Geschichte. Spontinis Oper war bereits früh mit dem Haus Unter den Linden verbunden; nun kehrt sie in einer Neuproduktion zurück, die ihren Konflikt zwischen individueller Freiheit und autoritärer Ordnung neu befragt. Im Zentrum steht Sonya Yoncheva, die mit Julia erstmals eine Partie übernimmt, die wie kaum eine andere für die dramatische Welt Spontinis steht.

