10. Oktober 2026
Macht und Begehren in Monteverdis „Poppea“ an der Staatsoper Berlin
Anna Prohaska und Raffaele Pe stehen bei den Berliner Barocktagen in Claudio Monteverdis „L’incoronazione di Poppea“ auf der Bühne. Die Oper über den Aufstieg einer ehrgeizigen Frau am römischen Kaiserhof verbindet politische Intrigen mit einer Musik, die Verführung, Eifersucht und moralische Konflikte unmittelbar hörbar macht. Diego Fasolis dirigiert die Akademie für Alte Musik Berlin.

Mainz/Berlin - Liebe ist in Claudio Monteverdis L’incoronazione di Poppea kein Gegenpol zur Macht, sondern eines ihrer wirksamsten Instrumente. Poppea will an die Seite Kaiser Neros gelangen und zur Kaiserin aufsteigen. Mit Verführungskraft und strategischem Geschick nutzt sie die Schwächen des Hofes, während Bündnisse zerbrechen und moralische Einwände zunehmend verstummen. Die Staatsoper Unter den Linden zeigt das Werk bei den Barocktagen 2026 mit Anna Prohaska in der Titelrolle und Raffaele Pe als Nerone.
Die Oper wurde 1643 in Venedig uraufgeführt und zählt zu den frühen Werken, die historische Figuren und politische Konflikte in psychologisch vielschichtiges Musiktheater verwandeln. Das Libretto von Giovanni Francesco Busenello spielt in den letzten Jahren der Herrschaft Neros. Statt idealisierter Helden stehen Figuren im Zentrum, die ihre Interessen konsequent verfolgen: Während Poppea und Nerone ihren Aufstieg sichern, gerät die tugendhafte Kaiserin Ottavia zunehmend ins Abseits.
Prohaska gestaltet Poppea als ehrgeizige Frau, deren Aufstieg auf persönlicher Anziehungskraft und politischem Kalkül beruht. Pe verkörpert einen Kaiser, dessen Macht mit emotionaler Unberechenbarkeit einhergeht. Anna Kissjudit singt Ottavia, Carlo Vistoli übernimmt die Partie des Ottone, der zwischen Liebe, Eifersucht und Rache zerrieben wird. Manuel Winckhler ist als Seneca zu erleben, der den moralischen Gegenpol zum kaiserlichen Machtstreben bildet.
Musikalisch unterscheidet sich Poppea von der späteren Barockoper mit ihren stärker festgelegten Arienformen. Monteverdi verbindet sprechnahe Rezitative mit lyrischen Passagen und ausgedehnten Dialogen. Gefühle entstehen im Wechsel der Stimmen und in der Spannung zwischen Wort und Musik. Diese Nähe zur Sprache macht die Intrigen unmittelbar und lässt die Widersprüche der Figuren deutlich hervortreten.
Die musikalische Leitung übernimmt Diego Fasolis. Er dirigiert die Akademie für Alte Musik Berlin, deren historisch informierte Aufführungspraxis die rhetorische Präzision der Partitur in den Mittelpunkt rückt. Eva-Maria Höckmayr führt Regie, Jens Kilian gestaltet die Bühne und Julia Rösler die Kostüme.
Die vier Vorstellungen finden am 20., 22., 24. und 26. November 2026 im Rahmen der Berliner Barocktage statt. Monteverdis Oper endet nicht mit der Wiederherstellung einer gerechten Ordnung: Poppea erreicht ihr Ziel, Senecas moralische Autorität scheitert, Ottavia wird verbannt. Der Triumph der Liebe erweist sich damit zugleich als Triumph der Macht – erkauft durch den Verlust und das Leid anderer.

