16. September 2026
Korngolds „Die tote Stadt“ in Amsterdam: Eine Oper über Trauer, Erinnerung und Loslassen
Erich Wolfgang Korngolds „Die tote Stadt“ verbindet psychologisches Musiktheater mit spätromantischem Klangrausch. Am 12. September 2026 stand das Werk im Concertgebouw Amsterdam mit Oksana Lyniv am Pult, Johanni van Oostrum als Marietta und Marie sowie Konstantin Krimmel in der Doppelrolle Frank/Fritz auf dem Programm.

Mainz/Amsterdam - Erich Wolfgang Korngolds Die tote Stadt gehört zu jenen Opern des frühen 20. Jahrhunderts, in denen Erinnerung nicht nur Thema, sondern musikalische Realität wird. Am 12. September dirigierte Oksana Lyniv im Concertgebouw Amsterdam das Radio Filharmonisch Orkest, das Groot Omroepkoor und den Nationaal Kinderkoor. Korngolds 1920 gleichzeitig in Hamburg und Köln uraufgeführte Oper erzählt von Paul, der den Tod seiner Frau Marie nicht überwinden kann und in der Tänzerin Marietta deren Ebenbild zu erkennen glaubt. Das Libretto basiert auf Georges Rodenbachs symbolistischem Roman Bruges-la-Morte.
Korngolds Partitur verbindet opulenten Orchesterklang, weit gespannte Gesangslinien und abrupte dramatische Zuspitzungen. Die Handlung bewegt sich dabei ständig zwischen Erinnerung, Fantasie und Realität: Pauls innere Welt gewinnt musikalische Gestalt, während Marietta zugleich als eigenständige Figur und als Spiegelbild der verstorbenen Marie erscheint. Die fast filmische Klangsprache, die das Concertgebouw selbst hervorhebt, macht diesen Übergang zwischen Wirklichkeit und Vorstellung besonders unmittelbar.
Johanni van Oostrum sang Marietta und die Erscheinung der Marie. Konstantin Krimmel übernahm Frank und Fritz. Die Partie des Paul, ursprünglich mit Benjamin Bruns besetzt, sang kurzfristig Corby Welch. Weitere Rollen gingen an Natalie Lewis als Brigitta, Elisa Maayeshi als Juliette, Eline Welle als Lucienne, Lucas van Lierop als Gaston und Victorin sowie Mark Omvlee als Graf Albert.
Bemerkenswert ist das Alter des Komponisten: Korngold war erst 23 Jahre alt, als Die tote Stadt uraufgeführt wurde. Mit der dritten seiner Opern festigte er seinen internationalen Ruf. Zugleich weist die Partitur bereits auf jene klangliche Vorstellungskraft voraus, die später auch seine Arbeit als Filmkomponist prägen sollte.
In Amsterdam entfaltete sich dieses Drama ohne szenische Ausstattung allein durch Stimmen, Orchester und Chor. Gerade dadurch rückte die musikalische Konstruktion von Korngolds Welt zwischen Traum und Wirklichkeit in den Vordergrund. Im Zentrum bleibt Pauls Weg aus der Fixierung auf die Verstorbene: Erst als er sich von ihrem Bild lösen kann, wird der Blick zurück ins Leben möglich.

