14. September 2026
Asmik Grigorian in Wien: Zwei Frauen, zwei Abgründe
Asmik Grigorian steht am 3. Oktober an der Wiener Staatsoper gleich in zwei psychologisch extremen Frauenrollen auf der Bühne. In Alexander von Zemlinskys „Eine florentinische Tragödie“ und Béla Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“ trifft sie auf Männer, deren Geheimnisse die Beziehungen zunehmend in Gewalt, Misstrauen und Einsamkeit treiben.
Mainz/Wien - Asmik Grigorian eröffnet am 3. Oktober an der Wiener Staatsoper eine neue Produktion mit zwei Operneinaktern, die auf unterschiedliche Weise um Geheimnisse, Begehren und die Frage nach dem Inneren des Gegenübers kreisen. In Alexander von Zemlinskys Eine florentinische Tragödie singt sie Bianca, in Béla Bartóks Herzog Blaubarts Burg übernimmt sie die Partie der Judith. Beide Werke werden in der neuen Inszenierung von Vasily Barkhatov erstmals an diesem Abend gezeigt. Alain Altinoglu dirigiert. Zur Besetzung gehören außerdem Christopher Maltman als Simone, Dmitry Golovnin als Guido Bardi und Florian Boesch als Blaubart.
Zemlinskys 1917 in Stuttgart uraufgeführte Florentinische Tragödie führt in eine Ehe, die durch einen Liebhaber aus dem Gleichgewicht geraten ist. Bianca wird von ihrem Ehemann Simone mit Guido Bardi, dem Prinzen von Florenz, überrascht. Simone fordert seinen Rivalen zum Duell und tötet ihn schließlich. Doch der Ausgang ist überraschend: Nach Guidos Tod scheint Bianca in Simone plötzlich den Mann wiederzuerkennen, dessen Stärke und Leidenschaft sie zuvor vermisst hatte. Aus dem Eifersuchtsdrama wird damit ein ambivalentes Spiel über Begehren, Macht und die Dynamik einer Ehe.
Bartóks Herzog Blaubarts Burg verschiebt den Konflikt in einen stärker psychologisch-symbolischen Raum. Judith folgt Blaubart in seine Burg und verlangt, die sieben verschlossenen Türen zu öffnen. Mit jedem Raum dringt sie tiefer in seine verborgene Welt ein und stößt dabei auf Gewalt, Macht und die Spuren seiner Vergangenheit. Was als Liebesbeziehung beginnt, wird zu einer Prüfung des Vertrauens – und zu einer Suche nach einer Wahrheit, die Blaubart lieber verborgen halten würde. Florian Boesch übernimmt die Titelpartie.
Für Grigorian liegt der besondere Reiz des Abends darin, innerhalb derselben Vorstellung zwei sehr unterschiedliche Frauenfiguren zu gestalten. Bianca reagiert auf eine Situation, die ihr entgleitet und nach Guidos Tod eine unerwartete Wendung nimmt; Judith dagegen treibt die Handlung selbst voran, indem sie Blaubart immer weiter zur Öffnung seiner Geheimnisse zwingt. Die Verbindung zwischen beiden Werken entsteht damit nicht zuletzt durch Grigorians Doppelbesetzung. Auch die Wiener Staatsoper hebt gerade diese personelle Klammer der Neuproduktion hervor.
Musikalisch begegnen sich zwei Einakter aus einer ähnlichen historischen Zeit, die jedoch sehr unterschiedliche Klangwelten entfalten. Zemlinsky verbindet spätromantische Orchesterfülle mit einer hoch verdichteten dramatischen Sprache. Bartók arbeitet dagegen mit prägnanten Klangfarben und einem Orchester, das die seelische Entwicklung der Figuren unmittelbar mitgestaltet. Die Wiener Staatsoper beschreibt gerade diesen Gegensatz als besonderen Reiz der Kombination.
Die neue Wiener Produktion führt beide Werke szenisch zusammen. Vasily Barkhatov arbeitet mit Christian Schmidt für die Bühne, Stefanie Seitz für die Kostüme, Alexander Sivaev für das Licht und Roland Horvath für das Video. Beide Opern waren an der Wiener Staatsoper bislang nur selten zu erleben: Eine florentinische Tragödie kam dort im Uraufführungsjahr 1917 auf eine Vorstellungsserie, Herzog Blaubarts Burg wurde zwischen 1985 und 1989 lediglich neunmal gezeigt. Die Neuproduktion bringt beide Werke somit nach langer Pause zurück ins Repertoire des Hauses.
Mit der Premiere am 3. Oktober verbindet die Wiener Staatsoper zwei selten gespielte Einakter zu einem Abend, dessen gemeinsamer Nenner weniger in einer direkten Handlungslinie als in der Auseinandersetzung mit verschlossenen Beziehungen und verborgenen Wahrheiten liegt. Im Zentrum steht dabei Asmik Grigorian, die beide Frauenfiguren verkörpert und damit selbst die wichtigste Verbindung zwischen Zemlinskys und Bartóks Oper bildet.

